Nichtselbst, Leerheit und Altruistische Ethik im Bodhicaryāvatāra (Official Publication)

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Nichtselbst, Leerheit und Altruistische Ethik im Bodhicaryāvatāra
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Description

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Bei heutigen Buddhisten und auch bei Buddhologen — zumal solchen, die selbst Buddhisten sind — liest man nicht selten, die Einsicht in das Nichtvorhandensein eines Selbstes oder in die Leerheit münde zwangsläufig in universales Mitleid ein. Das ist jedoch m.E. nicht ohne weiteres einsichtig. Einsichtig erscheint eher Loslösung von den als nichtselbsthaft bzw. leer erkannten Dingen, und folglich Aufhören von Handlungen, die auf dem Anhaften an ihnen basieren. Woher aber soll der Impuls für ein darüber hinausgehendes altruistisches Tätigwerden kommen? Kommt er wirklich allein aus der Nichtselbst- bzw. Leerheitserfahrung? Oder kommt er nur zum Vorschein, wenn er schon vorher unabhängig davon — durch Üben von Mitgefühl etwa — in das Persönlichkeitskontinuum eingespeist worden ist, und wird durch die genannten Erfahrungen lediglich von Behinderungen befreit?

Für den Ideengeschichtler und Philologen liegt es nahe, zunächst einmal die traditionellen Texte nach einer Antwort zu durchforsten. Nach meinem bisherigen Eindruck, den ich vor einigen Jahren, auf der Basis zugestandenermaßen keineswegs erschöpfender Untersuchungen, in zwei kurzen Beiträgen[1] zu skizzieren versucht habe, ist eine solche automatische Ableitung des Mitleids aus dem Nichtvorhandensein eines Selbstes oder aus der Leerheit zumindest in der vor- bzw. nicht-tantrischen Primärliteratur des indischen Buddhismus relativ selten, bzw. nur unter bestimmten Bedingungen, anzutreffen.

Im alten Buddhismus dient die Betrachtung der Nichtselbsthaftigkeit nach allem, was ich sagen kann, stets der Loslösung. Loslösung und Mitleid sind zwar nicht inkompatibel, können aber doch auch in einer gewissen Spannung zueinander stehen.[2] Zur Begründung von ethischem Verhalten wird in den kanonischen Texten m.W. nicht die Nichtselbsthaftigkeit (der Persönlichkeitskonstituenten etc.) bzw. die Nichtfeststellbarkeit eines Selbstes (attan/ātman) herangezogen, sondern (neben der Karma-Lehre)[3] die "Goldene Regel", nach der die anderen so zu behandeln sind, wie man selbst behandelt werden möchte. Hier ist also das Selbst nicht eliminiert, sondern im Gegenteil — unhinterfragt — vorausgesetzt.[4]

Auch für das Mahāyāna bezeugen nach meinen bisherigen Beobachtungen nur wenige Texte eine direkte Ableitung des Mitleids aus der Leerheit, und es bleibt offen, wie das zu verstehen ist.[5] Viel häufiger findet man Aussagen, nach denen zwar beide für den Bodhisattva-Weg unabdingbar sind, sie aber keinesfalls zwangsläufig einander nach sich ziehen, sondern eher geradezu in einer Spannung zueinander stehen und sorgfältig gegeneinander ausbalanciert werden müssen.[6] Manchmal heißt es, daß in der eigentlichen Leerheitserfahrung das Mitleid nicht aktuell auftreten könne, sondern nur im Anschluß an diese.[7] Allenfalls beim Buddha wird eine vollkommene Synthese postuliert (und offenbar auch in der Vajrayāna-Praxis,[8] vielleicht, weil sie "die Frucht zum Weg macht", d.h. den Status eines Buddha durch meditativ–rituelle Vorwegnahme zu realisieren versucht).

Zur Ethik-Begründung dient auch im Mahāyāna häufig die Goldene Regel in Gestalt der Betrachtung der anderen bzw. aller Lebewesen als einem selbst gleich (ātma-para-samacittatā etc.); so etwa im Mahāyānasūtrālaṅkāra, wo dies einmal (vs. 14.37) auch als "Sehen eines großen Selbstes" bezeichnet wird. Sie kann aber vermittels der Schau der Leerheit als des einheitlichen wahren Wesens aller Dinge und Lebewesen (dharmadhātu) vertieft werden, wobei es in diesem Zusammenhang aber weniger auf den Aspekt der Leerheit als auf den ihrer Allgegenwart ankommt.[9] Möglicherweise stammt dieser Gedanke aus Kreisen, die den tathāgatagarbha-Gedanken lehrten, die verborgene oder potentielle Anwesenheit der Buddhaschaft in allen Lebewesen. In einer Lehrrede dieser Tradition, dem Aṅgulimālīyasūtra, wird jedenfalls die Anwesenheit eines durchgängigen, einheitlichen Wesens in allen Lebewesen ausdrücklich als Grund für asketischethisches Verhalten ihnen gegenüber gelehrt.[10] Die verborgene oder potentielle Buddhaschaft in den Lebewesen kann natürlich auch unabhängig von einer solchen Wesenseinheit eine Haltung des Respektes ihnen gegenüber begründen.[11]

Śāntidevas Bodhicaryāvatāra (BCA) ist im Rahmen dieses zentralen Fragenkomplexes von großem Interesse, nicht zuletzt weil sein Verfasser sich eingehend um die Begründung bzw. Motivation altruistischen Verhaltens bemüht und dabei auch neue Wege zu gehen scheint. Es gibt jedoch im 9. Kapitel des BCA (über die Einsicht, prajñā) auch ein paar Stellen, an denen die Spannung zwischen Nichtselbst bzw. Leerheit einerseits und Mitleid bzw. altruistischer Ethik andererseits zum Ausdruck kommt, und auf diese möchte ich zuerst eingehen (Abschnitt 2). Anschließend sollen dann einige Partien des BCA, die sich um die Motivierung eines altruistischen Verhaltens bemühen, besprochen werden, zunächst solche aus dem 8. Kapitel (Abschnitt 3), und dann eine aus dem 6. Kapitel (Abschnitt 4). Ich ziehe dabei auch Prajñākaramatis Kommentar (BCAP) mit hinzu, da er zur Klärung der Argumentation Śāntidevas wesentlich beiträgt und in einigen Fällen diese auch weiterführt. Auf eine darüber hinausgehende Berücksichtigung der umfangreichen indischen und tibetischen KommentarLiteratur, wie sie für einzelne Verse von Paul Williams (1998) durchgeführt wurde, muß ich im Rahmen dieses Beitrages verzichten. Mein Ziel liegt nicht in einer erschöpfenden Analyse des exegetischen oder logischen Potentials der einzelnen Gedankengänge oder gar in einer philosophischen Kritik. Es geht mir mehr um eine Herausarbeitung der Bandbreite dieser Gedankengänge, bei denen es sich m.E., auch wenn manche in der Gestalt formeller Schlußfolgerungen auftreten, letztlich weniger um Beweise als um Betrachtungen handelt, mit denen der angehende Bodhisattva die eigene altruistische Gesinnung, nach der er strebt, festigen soll. Aus dieser Perspektive hoffe ich, mit den vorliegenden Zeilen einen kleinen Beitrag zum Verständnis des BCA zu leisten, wenngleich in dem Bewußtsein, daß er angesichts seines zugestandenermaßen skizzenhaften Charakters den Ansprüchen des Kollegen, dessen Andenken dieser Band gewidmet ist, kaum genügt hätte. (Schmithausen, introductory remarks, 551–53)

Notes
  1. Sc. Schmithausen 2000a und 2000b.
  2. Am eklatantesten in der Schmithausen 2000a: 135-136 (mit Anm. 76) zitierten Vibhāşā-Stelle (T Bd. 27, 428c17-21).
  3. Und gelegentlich auch dem Hinweis auf diesseitige Nach- und Vorteile (so z.B. Majjhimanikāya Bd. III, pp. 163-164 und 170-171). Auch im BCA wird beiläufig auf die erwünschten und unerwünschten Folgen im Jenseits (8.126-129) und Diesseits (8.132) hingewiesen.
  4. Schmithausen 2000a: 127-128 und 2000c: 30-34.
  5. Ders. 2000b: 448-449.
  6. Ders. 2000b: 442-446. Die mit allen vorzüglichen Qualitäten versehene Leerheit ist, wenn ich recht sehe, ein Ausdruck für eben diese Balance: vgl. Aṣṭasāhasrikā (Aṣṭ) p. 183,10, dazu Abhisamayālaṅkārālokā (AAĀ) p. 496,9: "'mit allen vorzüglichen Qualitäten versehen', d.h. nicht ohne Freigebigkeit usw. (sarvākāravaropetām iti dānādy-avikalām).
  7. Ders. 2000b: 448 mit Anm. 66. Ich erinnere mich, daß der Dalai Lama in einer seiner Unterweisungen im Herbst 1998 in Schneverdingen eine ähnliche Feststellung machte, mit dem Zusatz, daß Koinzidenz nur in der tantrischen Praxis möglich sei. Explizit im gleichen Sinne auch Geshe Thubten Ngawang in: Tibet und Buddhismus (Vierteljahresschrift des Tibetischen Zentrums e.V. Hamburg), 16. Jg. Nr. 63 (2002): 11: "Im Vollkommenheitsfahrzeug" werden "Weisheit und Methode ... voneinander getrennt praktiziert. Im Tantrayāna ... werden Weisheit und Methode als Einheit geübt."
  8. Vgl. die vorige n.
  9. Schmithausen 2000b: 449-450 und 2000c: 34.
  10. Peking-Kanjur mDo, Bd. Tsu, 202b2-205a8 ≈ T Bd. 2, 540a18-541a24 (Abstandnehmen von Geschlechtsverkehr, Töten und Fleischverzehr). Vgl. Schmithausen 2000b: 450 und 2000c: 34.
  11. Ratnagotravibhāga (ed. E.H. Johnston, Patna 1950) 1.166.
Citation
Schmithausen, Lambert. "Nichtselbst, Leerheit und Altruistische Ethik im Bodhicaryāvatāra." In Expanding and Merging Horizons: Contributions to South Asian and Cross-Cultural Studies in Commemoration of Wilhelm Halbfass, edited by Karin Preisendanz, 551–70. Vienna: Austrian Academy of Sciences Press, 2007.
Interconnections
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Classical WorksAbout this item
An "Introduction to Bodhisattva Practice," the Bodhisattvacaryāvatāra is a poem about the path of a bodhisattva, in ten chapters, written by the Indian Buddhist Śāntideva (fl. c. 685–763). One of the masterpieces of world literature, it is a core text of Mahāyāna Buddhism and continues to be taught, studied, and commented upon in many languages and by many traditions around the world. The main subject of the text is bodhicitta, the altruistic aspiration for enlightenment, and the path and practices of the bodhisattva, the six perfections (pāramitās). The text forms the basis of many contemporary discussions of Buddhist ethics and philosophy.